B-Vitamine verstehen – acht Vitamine, ein System
Warum es genau acht B-Vitamine gibt, warum die Nummerierung Lücken hat und warum sie als System zusammenwirken – wissenschaftlich eingeordnet und verständlich erklärt.
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Wenn von B-Vitaminen die Rede ist, entsteht häufig der Eindruck einer einheitlichen Gruppe. Tatsächlich umfasst der Begriff acht chemisch unterschiedliche Verbindungen, die eine entscheidende Gemeinsamkeit teilen: Sie alle fungieren als Coenzyme oder deren Vorstufen – also als notwendige Helfer für Enzyme, die wichtige Stoffwechselschritte durchführen (katalysieren).

Warum es genau acht sind, warum die Nummerierung Lücken aufweist und warum B-Vitamine als System betrachtet werden sollten, erklärt dieser Beitrag.


Warum es B1, B2, B3 gibt – aber kein B4, B8 oder B10 

Die Nummerierung der B-Vitamine irritiert auf den ersten Blick: B1, B2, B3, B5, B6, B7, B9 und B12. Dazwischen klaffen Lücken. Der Grund liegt in der Forschungsgeschichte.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden zahlreiche Substanzen aus Lebensmitteln isoliert und zunächst durchnummeriert. Spätere Untersuchungen zeigten jedoch, dass einige dieser Substanzen entweder vom Körper selbst gebildet werden können, keine eigenständige Vitaminfunktion haben oder identisch mit bereits bekannten Verbindungen sind.

Beispiele: B4 (Adenin), B8 (Inosit), B10 (para-Aminobenzoesäure) und B11 (Pteroylhepta-Glutaminsäure) wurden nachträglich aus der offiziellen Vitaminklassifikation gestrichen. Was übrig blieb, sind die acht Verbindungen, die heute als essenzielle B-Vitamine anerkannt sind – mit ihrer historischen Nummerierung, die die Lücken konserviert hat.


Was alle B-Vitamine verbindet

Trotz ihrer chemischen Unterschiede teilen alle acht B-Vitamine drei wesentliche Eigenschaften:

Wasserlöslichkeit. B-Vitamine lösen sich in Wasser und werden über den Urin ausgeschieden. Der Körper kann sie – mit Ausnahme von B12 – nicht in relevanten Mengen speichern. Eine regelmäßige Zufuhr über die Ernährung ist daher notwendig.

Coenzym-Funktion. Jedes B-Vitamin wirkt im Stoffwechsel als Coenzym oder Coenzym-Vorstufe. Das bedeutet: Ohne B-Vitamine können bestimmte Enzyme ihre Funktion nicht erfüllen. Die Prozesse, die davon abhängen, reichen vom Energiestoffwechsel über die Zellteilung bis zum Immunsystem (siehe Tabelle unten*).

Keine isolierte Wirkung. B-Vitamine arbeiten in vielen Stoffwechselwegen gemeinsam. Mehrere B-Vitamine sind an denselben oder aufeinanderfolgenden Reaktionsschritten beteiligt. Ein Mangel an einem einzelnen B-Vitamin kann daher Auswirkungen auf Prozesse haben, an denen auch andere B-Vitamine beteiligt sind.


*Die acht B-Vitamine im Überblick

Für jedes B-Vitamin hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) spezifische gesundheitsbezogene Aussagen zugelassen. Die folgende Tabelle zeigt jeweils exemplarisch ein bis zwei zentrale Claims im exakten zugelassenen Wortlaut.

 Vitamin Bezeichnung Zugelassene gesundheitsbezogene Aussagen (exemplarisch)
B1 Thiamin Thiamin trägt zu einer normalen Herzfunktion bei. Thiamin trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei.
B2 Riboflavin Riboflavin trägt dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen. Riboflavin trägt zur Erhaltung normaler Haut bei.
B3 Niacin Niacin trägt zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei. Niacin trägt zu einer normalen psychischen Funktion bei.
B5 Pantothensäure Pantothensäure trägt zu einem normalen Energiestoffwechsel bei. Pantothensäure trägt zu einer normalen geistigen Leistung bei.
B6 Pyridoxin Vitamin B6 trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei. Vitamin B6 trägt zu einer normalen Bildung roter Blutkörperchen bei.
B7 Biotin Biotin trägt zur Erhaltung normaler Haare bei. Biotin trägt zur Erhaltung normaler Haut bei.
B9 Folsäure Folat trägt zum Wachstum des mütterlichen Gewebes während der Schwangerschaft bei. Folat hat eine Funktion bei der Zellteilung.
B12 Cobalamin Vitamin B12 trägt zu einer normalen Bildung roter Blutkörperchen bei. Vitamin B12 trägt zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei.

Die vollständige Liste aller zugelassenen gesundheitsbezogenen Aussagen für B-Vitamine ist in der Verordnung (EU) Nr. 432/2012 einsehbar. Jedes B-Vitamin verfügt über weitere zugelassene Aussagen, die hier aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht alle aufgeführt sind.


Warum B-Vitamine als System wirken

In der öffentlichen Wahrnehmung werden einzelne B-Vitamine häufig isoliert betrachtet: B12 für Veganer, B7 für Haare... Aus biochemischer Sicht greift das zu kurz.

In sogenannten Ein-Kohlenstoff-Stoffwechselwegen (One-Carbon Metabolism) arbeiten zum Beispiel Folsäure (B9), Vitamin B12 und Vitamin B6 in einer Reaktionskette zusammen. Ein Mangel an einem dieser drei Vitamine hat Auswirkungen auf die gesamte Kette – selbst wenn die anderen beiden ausreichend vorhanden sind (Kennedy, 2016).

Auch im Energiestoffwechsel überschneiden sich die Funktionen: Thiamin (B1), Riboflavin (B2), Niacin (B3), Pantothensäure (B5) und Biotin (B7) tragen alle zu einem normalen Energiestoffwechsel bei und sind dennoch an verschiedenen Schritten des Energiestoffwechsels, also der Energiegewinnung aus Kohlenhydraten, Fetten und Proteinen beteiligt. Jedes dieser Vitamine stellt einen Coenzym-Baustein bereit, ohne den die jeweilige Reaktion nicht ablaufen kann.

Diese Zusammenhänge erklären, warum ein Vitamin-B-Komplex – also eine Kombination aller acht B-Vitamine – aus ernährungsphysiologischer Sicht eine sinnvolle Ergänzung sein kann: Er bildet das System ab, nicht isolierte Einzelstoffe.


Wer hat einen erhöhten Bedarf?

Der Bedarf an B-Vitaminen wird in der Regel über eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung gedeckt. Bestimmte Situationen können den Bedarf jedoch erhöhen oder die Aufnahme erschweren:

  • Personen mit überwiegend pflanzlicher Ernährung – insbesondere für Vitamin B12, das in pflanzlichen Lebensmitteln praktisch nicht vorkommt
  • Schwangere und Stillende – erhöhter Bedarf an Folsäure (B9)
  • Personen mit erhöhtem Alkoholkonsum –  Stark erhöhter Alkoholkonsum kann die Aufnahme, Speicherung und Verwertung mehrerer B-Vitamine – besonders B1 (Thiamin) und B9 (Folat) – beeinträchtigen.

B-Vitamine in der Ernährung

B-Vitamine kommen in einer Vielzahl tierischer und pflanzlicher Lebensmittel vor. Besonders gute Quellen sind Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Bierhefe, Eier, Fleisch, Fisch und Milchprodukte. Die einzelnen B-Vitamine verteilen sich jedoch unterschiedlich über verschiedene Lebensmittelgruppen.

Thiamin (B1) ist beispielsweise in Haferflocken, Sonnenblumenkernen und Bierhefe enthalten. Riboflavin (B2) findet sich in Champignons, Fleisch und Milchprodukten. Vitamin B12 kommt ausschließlich in tierischen Lebensmitteln in relevanten Mengen vor – eine Besonderheit, die im zweiten Teil dieses Themas vertieft wird.

Da B-Vitamine wasserlöslich sind, können Zubereitungsmethoden wie langes Kochen in viel Wasser zu Verlusten führen. Schonende Zubereitung – dämpfen, kurzes Garen, wenig Wasser – hilft, den Gehalt zu erhalten.


Fazit 

B-Vitamine sind acht chemisch unterschiedliche Verbindungen, die im Stoffwechsel eng zusammenarbeiten. Ihre Gemeinsamkeit liegt in der Rolle als Coenzyme bzw. deren Vorstufen: Sie tragen zur Funktion zentraler Prozesse bei,  wie z.B. Energiestoffwechsel, Zellteilung oder Immunsystem (siehe Tabelle oben*). Die historisch gewachsene Nummerierung mit ihren Lücken erinnert daran, dass nicht jede Substanz, die einmal als Vitamin galt, diesen Status behalten hat. Was geblieben ist, sind acht essenzielle Vitamine, die auch als System verstanden werden können – nicht nur als isolierte Einzelstoffe.

Warum Vitamin B12 innerhalb dieses Systems eine Sonderstellung einnimmt, erläutern wir im zweiten Teil: Vitamin B12 – warum es eine Sonderstellung unter den B-Vitaminen einnimmt.


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Quellen
  • D-A-CH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr – B-Vitamine (DGE)
  • FSA: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr 2013 B-Vitamine
  • EU-Verordnung (EU) Nr. 432/2012 – zugelassene Health Claims
  • BfR: Höchstmengen für Vitamin B1, Vitamin B2 und Pantothensäure in Lebensmitteln inkl. NEM
  • Kennedy DO (2016). B Vitamins and the Brain: Mechanisms, Dose and Efficacy – A Review. Nutrients, 8(2):68.
  • Calderón-Ospina CA, Nava-Mesa MO (2020). B Vitamins in the nervous system: Current knowledge of the biochemical modes of action and synergies of thiamine, pyridoxine, and cobalamin. CNS Neuroscience & Therapeutics, 26(1):5–13.
  • Huskisson E, Maggini S, Ruf M (2007). The role of vitamins and minerals in energy metabolism and well-being. Journal of International Medical Research, 35(3):277–289.
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